„Mein lieb Herz, …“. Droste-Forum erwirbt einen bisher unbekannten Brief von Annette von Droste-Hülshoff

Es war eine kleine Sensation, als kürzlich ein bisher nicht bekannter Brief Annette von Droste-Hülshoffs auf dem Autografenmarkt auftauchte. Das hatte es jahrzehntelang nicht gegeben. Er findet nun den Weg zurück nach Münster. Das Droste-Forum hat den Brief in Kooperation mit der Droste-Forschungsstelle der Literaturkommission für Westfalen und mit großzügiger Unterstützung der Kunststiftung NRW in einer Auktion ersteigert. Es stellt ihn dem Westfälischen Literaturarchiv im LWL-Archivamt als Dauerleihgabe zur Verfügung und macht damit auch für die Forschung nutzbar.

Am Montag, den 22. Juni 2026, übergaben Dr. Jochen Grywatsch, Vorsitzender des Droste-Forums, und Professor Dr. Dr. Thomas Sternberg, Präsident der Kunststiftung NRW, den Brief an die LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger. Gleichzeitig wurde er im Festsaal des Erbdrostenhofs im Beisein von Bürgermeisterin Angela Stähler als Vertreterin der Stadt Münster der Öffentlichkeit vorgestellt. Gemeinsam mit Dr. Anke Kramer, Leiterin der Droste-Forschungsstelle, stellte Grywatsch die Neuerwerbung ausführlich vor, bevor die geladenen Gäste den Brief selbst in Augenschein nehmen und neben ihrer sprachlichen Meisterschaft auch die charakteristische kleine Handschrift der Autorin bestaunen konnten.

„Mein lieb Herz“ – so spricht Annette von Droste-Hülshoff die Adressatin an. Es war ihre Freundin Elise Rüdiger (1812–1899), an sie diesen Brief an einem klirrend kalten Samstag im Frühjahr 1843 abfasste. Vom Rüschhaus wurde er durch eine Botenfrau nach Münster gebracht. Begleitet wurde der Brief von einem französischen Roman, den die Freundin nach Lektüre zurückerhielt. Auf vier aus einem Doppelblatt gefalteten kleinen Seiten zeigt sich Droste einmal mehr als ebenso brillante wie überaus feinsinnige Briefschreiberin. Ausführlich kommentiert sie literarische Projekte schreibender Frauen, äußert sich über französische Gegenwartsliteratur, berichtet vom Scheitern einer Frauenzeitschrift mit ausschließlich Texten von Autorinnen und mokiert sich über Schriftstellerkollegin Louise von Bornstedt und deren Bekanntschaft mit Balzac in Paris. Dazu enthält der Brief Nachrichten aus dem Familienkreis – zur bevorstehenden Geburt eines weiteren Kindes auf Hülshoff, über die rührende Sorge ihrer Mutter über sie und ihre angegriffene Gesundheit.

Der Brief wirft auch ein Licht auf die damals noch beschränkten Möglichkeiten der Kommunikation und das damit einhergehende Gefühl des sehnsüchtigen Wartens auf Lebenszeichen der geliebten Freunde. Während sie in einem anderen Brief sogar einmal von der noch garnicht erfundenen telefonischen, fernmündlichen Verbindung träumt, entfaltet sie hier die Vision einer Kommunikation mit verschiedenfarbigen Flaggen, wie sie es beim Besuch bei ihrer Schwester in der Schweiz kennengelernt hat: „In Eppishausen wohnten am gegenüber liegenden Berge – aber 1 ½ Stunde weit – unsere liebsten Nachbarn – Thurns – und wir sahn jeden Abend die Lichter im Familienzimmer sich entzünden und, einige Stunde später, an den Treppenfenstern hinauf sich im oberen Stock zerstreuen – den ganzen Tag parlirten wir durch Flaggen – rothe – blaue – weiße – und in beyden Häusern stand der Tubus immer wohlgerichtet am offenen Fenster – was meinen Sie, Elise, wenn wir es auch so haben könnten? – eine grüne Flagge ‚die Kranken sind besser‘ – eine blaue – ‚ich habe interessante Nachrichten‘ – eine rothe – ‚ich komme‘“.

Das 2007 gegründete Droste-Forum bemüht sich neben anderem seit langen um die Sicherung des handschriftlichen Nachlasses Annette von Droste-Hülshoffs. Zuletzt konnten das Romanmanuskript „Ledwina“ und eine Testamentsniederschrift erworben werden – jeweils mit großzügiger Unterstützung namhafter Stiftungen des Landes und des Bundes. Damit betätigt es sich in der Tradition der Initiatorin und Stifterin des Droste-Forums, der verstorbenen Göttinger Literaturwissenschaftlerin und Verlegerin Dr. Susanne Amrain, die sich besonders um die Erforschung der Literatur von Frauen verdient gemacht hat und bereits vor zwanzig Jahren einen Brief Annette von Droste-Hülshoffs erworben hat. All diese Handschriften sind heute konservatorisch vorbildlich und sicher im Westfälischen Literaturarchiv, das inzwischen den weitaus größten Teil von Annette von Droste-Hülshoffs literarischem Nachlass verwahrt, untergebracht, wo das Droste-Forum sie als Dauerleihgabe deponiert hat.

Prof. Dr. Dr. Thomas Sternberg, Dr. Jochen Grywatsch, Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger, Angela Stähler und Dr. Anke Kramer (v. l. n. r.) bei der Übergabe des bisher unbekannten Droste-Briefes.
Dr. Anke Kramer und Dr. Jochen Grywatsch stellten dem Publikum die Inhalte des Briefes vor.
Brief Annette von Droste-Hülshoffs an Elise Rüdiger, Frühjahr 1843 (S. 1); Droste-Forum, Depositum Westfälisches Literaturarchiv, Bestand 1030-5/136.